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Old 02.01.2008, 20:35   #59
Jan
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Bevor ich inhaltlich auf deinen Beitrag eingehe Sven, möchte ich zunächst das komplette Zitat von Broder über PI posten, damit dort keine Missverständnisse entstehen.

Quote:
„Was Politically Incorrect macht, ist meine Sache nicht. Da gibt es sehr gute Beiträge und auch ziemlich skandalöse Geschichten wie zum Beispiel der Fall Mügeln. Wie das auf Politically Incorrect abgehandelt wurde, war wiederum ein rassistischer Skandal und hatte mit politischer Korrektheit oder Inkorrektheit gar nichts zu tun.“
Du sprichst an, dass immer auch von den positiven Seiten der Kulturen die Rede ist, wenn über Ausländer geredet wird. Das ist sicher richtig und hat auch in gewisser Weise seine Berechtigung, ist aber an dieser Stelle meiner Meinung nach unangebracht. Der Überfall hatte nichts mit der griechischen oder türkischen Kultur zu tun. Also gibt es auch nichts diesbezüglich zu rechtfertigen. Deutschland (und andere reiche Industrienationen) haben ein enormes Problem mit Ausländerkriminalität – und zwar unabhängig davon, welchen kulturellen oder religiösen Hintergrund die Einwanderer haben. Dies ist der springende Punkt. Ausländerkriminalität und islamistische Gewalt sind zwei unterschiedliche Themen und können nicht willkürlich vertauscht werden. Genau dies tut PI aber. Wenn islamische Ausländer Verbrechen begehen, sind dies für diese Seite islamistische Verbrechen. Es wird nicht immer so direkt gesagt, aber es ist eindeutig, dass der Islam als Hauptquelle für jegliche Gewalt ausgemacht werden soll.

Natürlich gibt es islamistische Gewalt. Das will und kann niemand abstreiten. Wenn wir Muslime jedoch unter einen „Generalverdacht“ stellen und jegliche Gewalt von Muslimen als islamistisch brandmarken, dann schaffen wir uns eben das Monster, das wir doch eigentlich bekämpfen wollten. Jugendliche, die durch schlechte Bildung, fehlende Erziehung, Armut und soziale Ausgrenzung zu Gewalttätern werden, werden doch hellhörig, wenn ihre Gewalt nicht mehr als intellektuelle Schwäche, sondern als religiöser Fanatismus ausgelegt wird. Wenn muslimisch ungebildete junge Menschen den Eindruck erhalten, ihre stupide Gewalt gegen ein verhasstes Land, das sie nicht als gleichwertige Bürger akzeptiert, habe religiöse Bedeutung, dann kann das natürlich einen großen Schub für das Selbstbewusstsein bedeuten. Dies nutzen Islamisten und Seiten wie PI bzw. Menschen wie Stefan Herre helfen ihnen dabei, indem sie Moslems bzw. auch allgemein Arabern eine generelle Neigung zur Gewalt unterstellen. Du hast geschrieben, es sei dir egal, weshalb Menschen gewaltbereit seien bzw. welche Gründe der Gewalt zugrunde liegen. Es hat mich ehrlich erschrocken, als ich das gelesen habe. Ich hoffe, dass du bloß nicht über die Tragweite deiner Aussage nachgedacht hast. Wenn du nicht die Gründe für Gewalt kennst, kannst du diese auch nicht bekämpfen. Bekämpfst du nicht die Gründe für Gewalt, dann wird die Gewalt weiter zunehmen.

In chrisos Beitrag ist wieder das übliche Argument zu finden, das in dieser Diskussion immer wieder auftaucht (nicht böse gemeint). Härtere Strafen ändern nichts am Problem und die USA haben trotz härterer Strafen ein noch größeres Problem mit Kriminalität als wir. Meiner Meinung nach taucht das Argument immer wieder auf, damit Politiker den Anschein erwecken können, dass sie handeln. Wenn sich ein schlimmes Verbrechen ereignet, was zudem von den Medien entsprechend aufgebaut wurde, dann gibt die Bevölkerung erst wieder Ruhe, wenn die Politik reagiert hat. Ob diese Reaktion produktiv oder sogar kontraproduktiv war, ist erstmal nebensächlich. Darüber wird erst wieder diskutiert, wenn trotz einer Verschärfung der Gesetze die Probleme nicht geringer geworden sind.

Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, die Symptome zu behandeln, sondern müssen auch die Krankheiten bekämpfen. Diese sind zum Beispiel Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit, fehlende Integration, offener und versteckter Rassismus und auch Islamismus.

Wie PI jedoch den Islamismus abhandelt, ist aus religionswissenschaftlicher, philosophischer, soziologischer und teilweise auch aus historischer Sicht mehr als fragwürdig. So wird ein rosarotes Bild von der christlichen Vergangenheit gemalt und die europäische Aufklärung wird als Verdienst des Christentums beschrieben. Natürlich, in einem komplexen Werk wie der Bibel finden sich auch Passagen, die die Aufklärung und die daraus resultierenden Menschenrechte untermauern. Aber auch die Unterdrückung ist biblisch zu rechtfertigen und die Menschenrechte wurden auch nicht von oder mit der Kirche erkämpft, sondern gegen die Kirche! Zu behaupten, Freiheit und Demokratie seien Wesensmerkmale des Christentums und Unterdrückung und Diktatur Wesensmerkmale des Islams, ist also schlicht so nicht tragbar! Es gibt Gründe, weshalb sich die Demokratie in Arabien und Persien bisher nicht durchgesetzt hat bzw. im Falle des Irans wieder weitgehend zerstört wurde. Diese Gründe haben auch mit dem Islam zu tun, gerade im Iran. Aber die aristokratische Unterdrückung in Europa hatte auch mit dem Christentum zu tun, heute ist das Christentum jedoch ein Pfeiler unserer freien und toleranten Gesellschaft.

Islam und Demokratie schließen sich nicht aus, aber Europa hat sich die Demokratie über Jahrhunderte erkämpft, sie innerhalb weniger Jahrzehnte zu oktroyieren und das Scheitern am Islam festzumachen, halte ich für schlichtweg unsinnig.

Wir kommen sehr vom eigentlichen Thema ab. Statt über Ausländerkriminalität reden wir nun über Islamismus. Aber eine Seite wie PI sorgt leider dafür, dass die Themen heute offensichtlich nicht mehr separat behandelt werden können. Ich kann alle nur bitten, Seiten wie PI oder auch andere einseitig motivierte Alternativmedien (wie diverse Blogs) nicht zu unkritisch zu lesen. Ich habe den Eindruck, dass eine unkritische Rezeption des Fernsehens und von Printmedien der unkritischen Rezeption von alternativen Medien weicht. Das Ziel, kritischer mit Medien umzugehen, ist leider oftmals klar verfehlt worden. Statt die Menscheinfeindlichkeit des Springer-Imperiums zu offenbaren, erfüllt Bildblog.de heute z.B. primär den Wunsch, Bild der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese Entwicklungen halte ich für äußerst traurig. Alternativsein (in welche Richtung auch immer) ist heute keine politische oder ethische Einstellung mehr, sondern oftmals bloß „Lifestyle“.

Dann beschimpft man sich noch gegenseitig als naive Gutmenschen und rechts-konservative Spinner und die Probleme eskalieren weiter. Ich halte wenig von Extremen, weder von Menschen wie Claudia Roth, die jede Konfrontation mit anderen Kulturen scheuen (was man aber bitte nicht auf die ganze Partei übertragen sollte, die da sehr viel reflektierter ist als ihre Vorsitzende), noch von Leuten wie Stefan Herre (Betreiber von PI), die alle Probleme in einer fremden Kultur suchen und blind für eigene Unzulänglichkeiten werden.
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