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Old 28.08.2007, 03:02   #80
Jan
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@ Tommy Vercetti: Ich möchte jetzt nicht jedes Zitat von dir einzeln durchkauen. Viele Punkte hängen einfach direkt zusammen und lassen sich nicht so separat behandeln. Aber es sollte erkennbar sein, auf welche Aspekte deines Beitrags von letztem Monat ich mich beziehe. Einzelne Zitate werde ich direkt kommentieren, wenn ich sehr direkt etwas an deiner Argumentation zu bemängeln habe.

Quote:
Sogenannte "Vorfälle" kommen aber tagtäglich vor. Stimmt, wir haben ein Problem mit Jugendkriminalität und die geht nunmal zum Großteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus. Das ist kein Geheimnis.
Proportional gesehen sitzen in den USA deutlich mehr Ureinwohner im Gefängnis als Nachfahren eingewanderter Amerikaner. Willst du mir nun erzählen, die indianische Kultur sei krimineller oder gewaltbereiter als die christliche Kultur?

Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass erhöhte Kriminalität unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur zu einem geringen Teil auf die Erziehung bzw. den kulturellen Hintergrund der Eltern zurückzuführen ist. Aber natürlich gibt es diverse Aspekte in der türkischen Kultur, die mir sehr missfallen. Da wäre beispielsweise der starke Nationalismus, die Unterdrückung der Kurden, der Militarismus, die Leugnung des Völkermords an den Armeniern etc.

In Deutschland gibt es in Bezug auf den Völkermord der Nazis ähnliche Probleme, aber nicht in dem Ausmaß wie in der Türkei. Fraglich ist jedoch, ob dies auch ohne die von den Alliierten eingeleitete Entnazifizierung möglich gewesen wäre. Aus diesem Grunde sollte man vorsichtig sein, das Verhalten deutscher Türken auf den türkischen Nationalismus und diesen verabscheuungswürdigen türkischen Nationalismus nur auf einzelne kulturelle Aspekte wie zum Beispiel den Islam zurückzuführen.

Zurück nach Deutschland: Deutsche Türken bedienen sich gerne beim türkischen Nationalismus, wenn es darum geht, sich von anderen Deutschen abzugrenzen. Das Problem ist daher nicht beliebig übertragbar und ist daher sicherlich ein rein deutsch-türkisches Phänomen. Daher gibt es tatsächlich Unterschiede zwischen beispielsweise italienischen und türkischen Einwanderern. Einerseits sind die kulturellen Hintergründe fundamental unterschiedlich, andererseits ist die Bevölkerungsgruppe türkischstämmiger Deutscher weitaus größer. Ersteres führt dazu, dass der Verlauf der Integration sehr unterschiedlich ist. In der Türkei ist der Islam die vorherrschende Religion. In Deutschland und Italien ist es das Christentum. Religion ist für viele Menschen ein sehr zentraler Aspekt des Lebens (auch wenn es vielen Menschen nicht bewusst ist) und daher kann man nicht erwarten, dass sich Menschen von ihren religiösen Idealen verabschieden, nur um besser ins westliche Weltbild zu passen.

Wir müssen aber erwarten, dass sich jeder Mensch (unabhängig welcher Religion er angehört) kritisch mit der eigenen Religion auseinandersetzen kann und auch Kritik von fremder Seite toleriert. In arabischen Ländern ist das nicht selbstverständlich. Dies ist aber kein Grund, dem Islam in Europa weniger Toleranz entgegenzubringen als dem Christentum. Tut man dies, begeht man selbst den Fehler, den man am arabischen Islam(ismus) kritisiert. Es ist schwierig, dem Islam Toleranz entgegenzubringen, wenn in der Öffentlichkeit fast nur Moslems zu Wort kommen bzw. erwähnt werden, die diese Toleranz gegenüber anderen Religionen nicht besitzen.

Mir ist bewusst, dass ich als Religionswissenschaftler einfach einen riesigen Vorsprung habe, was das Islam-Verständnis angeht und es vielleicht etwas naiv ist, von Jugendlichen zu erwarten, ihr von den Medien und deutsch-türkischen Jugendlichen vermitteltes Bild vom Islam zu hinterfragen. Aber der Islam ist eine aktuell sehr aufstrebende Religion und gewinnt überall in der Welt an Bedeutung. Daher ist es sehr wichtig, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Es ist ja nicht so, als würden Einwanderer einseitig von Deutschland profitieren, weshalb ich dieses "Die kommen doch zu uns, also warum sollte ich mich mit denen beschäftigen? Die sollen sich erstmal richtig integrieren!"-Argument für sehr idiotisch halte. Deutschland und andere europäische Staaten könnten ohne Einwanderung gar nicht in ihrer heutigen Form überleben. Wenn man also Einwanderer ins Land holt, muss man auch akzeptieren, dass dies die Kultur in dem Land verändert. In Deutschland ist der Islam inzwischen eben ein kultureller Faktor. Dies führt zu Problemen, keine Frage. Aber diese gilt es gemeinsam zu lösen, anstatt sich nur gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Kommen wir nun zum zweiten Punkt, den ich eben in Bezug auf türkische Einwanderer nannte: Türken stellen die eindeutig größte ethnische Minderheit in Deutschland. Daher ist es für sie natürlich leichter, in Deutschland das Leben fortzuführen, was sie vorher in der Türkei führten, ohne sich an deutsche Verhältnisse anzupassen.

Kritik daran ist völlig berechtigt. Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass es Türken von vielen Deutschen auch nicht leicht gemacht wird, sich der deutschen Kultur zu nähern. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Dort wäre es für die meisten Menschen unvorstellbar, dass ein Türke im Schützenverein mitmacht oder für die ortsansässige CDU oder SPD kandidiert. Dies bestärkt Einwanderer doch noch in ihrem Unwillen, sich zu integrieren und nicht in rein türkisch geprägte Stadtteile zu ziehen. Dies führt dann oft in der nächsten Generation (also bei Kindern von Einwanderern) zu Wut, Aggression und Hass gegen Deutsche, was auf deutscher Seite wiederum den Rassismus verstärkt (wie man in diesem Thread sieht). Ein ewiger Teufelskreis, der sich nur durchbrechen lässt, wenn beide Seiten ihre Vorurteile abbauen und zum Dialog bereit sind. Dies gilt für jeden Menschen in diesem Land, egal welcher Abstammung er ist.

Quote:
Na sicher, die Lehrer sind schuld. Erzähl das mal einer Hauptschullehrerin in Berlin-Neukölln. Die wird schmunzeln, den Schrank aufmachen und dir die Butterflys und Schlagringe zeigen, die den Schülern abgenommen wurden. Anstatt die Lehrer zu schützen, die ja wirklich nichts dafür können, dass sich ihre Klasse zu 80% aus intoleranten Einwanderern zusammensetzt, wirfst du ihnen vor die Schüler zu diskriminieren.
Na sicher, die Türken sind schuld. Erzähl das mal dem einzigen türkischen Kind in der Grundschule im Sauerland, das jeden Tag weinend nach Hause kommt, weil es in der Schule von einigen Mitschülern und einem Lehrer diskrimiert wird.

Durch die Parodie deines Argumentationsstils wird dir vielleicht bewusst, was ich dir sagen möchte. Es gibt beide Fälle in Deutschland. Sowohl das von dir angesprochene Problem, als auch das von mir genannte Thema. Was denkst du wird in den Medien stärker thematisiert? Richtig, die von Einwanderern dominierte Hauptschulklasse. Ist ja auch ein Thema, was man herrlich actionreich und spannend erzählen kann und daher gut ankommt. Ähnlich wie beim Thema "Killerspiele". Ich will damit nicht sagen, dass es deshalb nicht thematisiert werden soll. Aber es ist wichtig, auch andere Probleme zu thematisieren, die für das Verständnis wichtig sind. Bei "Killerspielen" wird ja auch nicht der soziale Hintergrund von Spielern ausreichend berücksichtigt und daher entstehen so absurde Forderungen von konservativer Seite. Ähnlich ist es bei diesem Thema auch. Man stellt gewaltbereite Kinder von Einwandern dar, nicht aber die jeweiligen Vorgeschichten bzw. die allgemeine gesellschaftliche Vorgeschichte.

Die Geburtenrate in Deutschland ist extrem gering, daher sind in Schulen proportional mehr Ausländer als in anderen Teilen der Gesellschaft, das ist klar. Trotzdem sind in Grundschulen Kinder von Einwanderern überwiegend in der Minderheit. Natürlich gibt es da diverse Ausnahmen in Großstädten, aber in dieser frühen Phase der Erziehung ist es eben nicht so, wie du es gerade darstellst. Dort sind Türken meist in der Minderheit. Dass sie später zu einem großen Teil zur Hauptschule gehen, ist ja kein Zufall oder hängt damit zusammen, dass sie dümmer wären als deutsche Kinder. Nein, sie haben nur einfach aus diversen Gründen schlechtere Chancen. Das hat nicht in erster Linie mit Rassismus zu tun. Dies spielt manchmal sicher auch eine Rolle, aber nur vereinzelt würde ich behaupten. Ein Großteil dieser Kinder kommt aus vergleichsweise armen Elternhäusern. Die sprachlichen Probleme der Kinder, die daraus resultieren, dass die Eltern selbst oft nur schlecht Deutsch sprechen, werden daher nur selten durch zusätzliche Kurse (die meistens Geld kosten) bekämpft. So ist es diesen Kindern schwieriger möglich, ihre Intelligenz zu entfalten und sie enden in der Hauptschule. Dort treffen sie auf viel mehr Türken als vorher in der Grundschule und sind viel weniger auf die deutsche Sprache angewiesen als vorher in der Grundschule, was ihren schulischen Leistungen gewiss nicht zuträglich ist. Da wären wir wieder beim Thema Teufelskreis.

Quote:
Das ist eine Fehleinschätzung, denn in den Problemvierteln sind fremde Kulturen längst in der Überzahl. Bedenke bitte, dass es heutzutage normal ist, wenn in einer Klasse nur drei deutsche Kinder sitzen.
Deutschland besteht nicht nur aus Problemvierteln. Bedenke du bitte, dass es heutzutage auch immer noch normal ist, wenn in einer Klasse drei türkische Kinder sitzen.

Quote:
Wenn ein Schwarzer verprügelt wird, dann waren es immer gleich Rassisten und die Empörung ist riesengroß. Die Gewalt der Einwanderer gegenüber Deutschen sollen wir aber akzeptieren?! Sorry, aber da läuft doch irgendwas schief hier.
Das (leider) führende Medium in Deutschland ist noch immer die Bild-Zeitung. Dort werden rechtsextreme Übergriffe nicht hervorgehoben, sondern (bewusst) heruntergespielt und sogar falsche Tatsachen bezüglich der Anzahl rechtsextremer Übergriffe in Deutschland verbreitet (es wurde behauptet, die Zahl rechtsextremer Übergriffe sei gesunken - genau das Gegenteil war der Fall!). Bei der deutschen Polizei geht man aufgrund unserer Geschichte sehr sensibel mit rechtsextremen Übergriffen um. Wenn also in den Medien ein solcher Übergriff groß thematisiert wird, dann wurde die Tat in den meisten Fällen auch bereits durch die Polizei eindeutig als rechtsextrem motivierte Straftat erkannt. Wenn du dir dann mal die Zahlen vom BKA diesbezüglich anschaust, wirst du nicht mehr behaupten, dass die Empörung immer gleich riesengroß ist. Meistens gerät es gar nicht erst an die Öffentlichkeit.

Die meisten Übergriffe von Einwanderern gegenüber Deutschen natürlich auch nicht, aber sie werden genauso in den Medien thematisiert wie rechtsextreme Übergriffe. Der Unterschied besteht nur darin, dass es sich bei ersterem meistens nicht um rassistisch motivierte Taten handelt, sondern um Raubüberfälle o.ä. Natürlich gibt es auch rassistische Übergriffe gegen Deutsche, aber diese sind eben deutlich seltener als rassistische Übergriffe gegen Ausländer.

Quote:
Jugendliche türkischer Abstammung sind mit zwanzig Mann auf meinen Kumpel losgegangen. Verständlich, schließlich hat er sich geweigert ihnen seine Zigarettenpackung zu geben ...
Aber das ist kein rassistisch motivierter Überfall gewesen, oder? In meinen Augen ging es da um Nötigung bzw. Diebstahl ohne Bezug zur ethnischen Herkunft deines Freundes, oder liege ich da falsch?
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